Für seine
Meisterwerke der Ingenieurbaukunst hat der Stuttgarter
Professor Jörg Schlaich gestern den Fritz-Leonhardt-Preis
der Ingenieurkammer Baden-Württemberg erhalten. Schlaich,
Konstrukteur des filigranen Killesbergturms, gilt als
bester Brückenbauer der Welt.
Von
Wolfgang Schulz-Braunschmidt
Fast 500 Ehrengäste waren gestern zur Preisverleihung
in den großen Saal der Staatsgalerie gekommen, wo
die Ingenieurkammer Baden-Württemberg Jörg Schlaich
für sein berufliches Lebenswerk auszeichnete. Der
Baseler Professor René Walther, ein langjähriger
Freund Schlaichs, erinnerte in seiner Laudatio an das
"unerhört breite Spektrum seines Schaffens".
Als gelehriger Schüler des großen Baumeisters
Fritz Leonhardt, mit dem die Zusammenarbeit nicht immer
einfach gewesen sei, habe Schlaich den Grundstein für
seine Karriere gelegt. Die Arbeit mit dem Bauingenieur
Schlaich habe ihm immer Anregungen gebracht. "Aber
die Reisen mit dem Preisträger waren stets ein Parforceritt."
Walther rief dem Geehrten zu etwas weniger Hektik und
wünschte ihm, dass sein Traum - der Bau eines solaren
Aufwindkraftwerkes - noch in Erfüllung gehen möge.
"Wir schätzen Sie", bekannte Verkehrsminister
Ulrich Müller, der die Auszeichnung überrechte.
Schlaich stehe auf der großen Tradition schwäbischer
Baumeister. "Sie haben aber auch Brücken zwischen
der Fachwerk und der Allgemeinheit gebaut", so
Müller. Dies sei in einer Zeit, in der sich Wissen
immer stärker spezialisiere, ein ganz besonderes
Verdienst.
"Trotz der vielen Lobesworte werde ich nicht abheben",
sagte Schlaich in seiner Rede. Er habe mit Sturheit
und Fleiß, dem schwäbischen Ersatz für
Intelligenz, viel von Fritz Leonhardt gelernt. Dieses
Wissen wolle er weiterhin anwenden. "Es gibt noch
viel Arbeit, wir müssen nur alle anpacken".
Der am 17. Oktober 1934 in Stetten im Remstal geborene
Pfarrerssohn beschäftigt sich seit Jahrzehnten
vor allem mit dem Brückenbau. Dabei stellt der
frühere Professor der Fakultät für Bauingenieurwesen
an der Stuttgarter Universität hohe Ansprüche
and die Ästhetik der Konstruktion. Der heute 68-jährige
Bauingenieur engagiert sich auch für die Umwelt.
Bekanntestes Beispiel dafür ist seine Entwicklung
von solaren Aufwindkraftwerken zur Energieversorgung.
In Stuttgart hat Schlaich mit Brücken am Löwentor
und am Max-Eyth-See sowie dem filigranen Killesbergturm
im Höhenpark markante Zeichen seiner Ingenieurkunst
gezeigt.
Ein herausragendes Beispiel für Schlaichs Brückenbaukunst
ist die Hooghly-Brücke im Ganges-Delta bei Kalkutta,
die 1992, nach einer Bauzeit von 23 Jahren für
den Verkehr freigegeben wurde. Trotz aller Schwierigkeiten
hat Schlaich nie aufgegeben. Als er feststellte, dass
Indische Arbeiter nicht schweißen können,
wurde die Brücke genietet.
Schlaich ist der zweite Träger des seit 1999 alle
drei Jahren zu Ehren von Fritz Leonhardt, dem Erbauer
des Stuttgarter Fernsehturms, verliehenen und mit 20000
Euro dotierten Ingenieurpreis. Als erster Preisträger
war 1999 der französische Bauingenieur Michel Virlogeux,
Konstrukteur der Normandiebrücke bei le Havre,
geehrte worden.
Stuttgarter Zeitung 23.11.02 |