70 Jahre Fernsehturm Stuttgart – Ingenieurinnovation aus Stahlbeton
Der Fernsehturm Stuttgart feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag – ein Wahrzeichen der Stadt und ein Meilenstein der Ingenieurkunst. Mit 216,6 Metern Höhe verkörpert er die Vision unseres Bürogründers Fritz Leonhardt: ein schlanker Stahlbetonkragträger, der Nachhaltigkeit und Funktionalität vereint.
Konstruktives Prinzip und Tragwerk
Das Bauwerk folgt einem klaren statischen System:
Monolithischer Stahlbetonschaft mit veränderlichem Außendurchmesser
Kreisringförmige Fundamentplatte zur Aufnahme der hohen Biegemomente aus Windbeanspruchung
Auskragender Turmkorb als vorgespannte bzw. hochbewehrte Stahlbetonkonstruktion
Der 216,6 m hohe Turm wirkt statisch im Wesentlichen als eingespannter Kragträger. Die maßgebende Beanspruchung resultiert aus Windlasten, die erhebliche Biegemomente und Horizontalkräfte am Fußpunkt erzeugen.
Die Querschnittsverjüngung des Schafts folgt dabei nicht nur architektonischen Überlegungen, sondern der Momentenlinie:
Große Durchmesser im unteren Bereich gewährleisten die erforderliche Biegesteifigkeit, während sich der Querschnitt mit abnehmendem Moment nach oben reduziert – ein frühes Beispiel materialeffizienter Formfindung.
Seine schlanke Silhouette folgt keiner dekorativen Absicht, sondern der konstruktiven Logik!
Gründung und Baugrund
Auf einer kreisringförmigen Fundamentplatte aus Stahlbeton werden Vertikallasten, Windkräfte und Kippmomente sicher abgeleitet. Schon in der Planungsphase stand die Minimierung von Setzungen und Verdrehungen im Fokus, um die Sendeanlagen dauerhaft funktionsfähig zu halten.
Turmkorb und innovative Integration
Der Turmkorb ist die konstruktiv anspruchsvollste Zone: Hier überlagern Normalkräfte, Biegemomente und lokale Beanspruchungen. Ringförmige Decken als Scheiben leiten Lasten in den Schaft, während Aussichtsplattform und Gastronomie integral eingebunden sind – ein neuartiger Ansatz, der Nutzung und Tragwerk verschmilzt.
Bauausführung und Materialwahl
Der Schaft entstand abschnittsweise im Kletterschalungsverfahren, mit präzisen Betonrezepturen und Vermessung für perfekte Vertikalität. Stahlbeton bot höhere Steifigkeit, bessere Dämpfung und geringere Wartung als Stahl – Vorteile, die sich nach 70 Jahren bewährt haben.
Sanierungsmaßnahmen und Zukunft
Wir begleiten und betreuen das Bauwerk aus ingenieurtechnischer Sicht seit seinem Bau bis heute. Wir warren und sind an viele Instandhaltungsmaßnahmen, von Rissinjektionen und Außensanierung, über Brandschutzertüchtigung, bis zur derzeitigen Betonsanierung des Schafts maßgeblich beteiligt.
Trotz digitaler Verdrängung bleibt der Turm als Wahrzeichen wirtschaftlich – ressourcensparend und generationenübergreifend tragbar.
Fritz Leonhardt prophezeite 1996: „Bei guter Pflege wird das Ding 200 Jahre alt.“ Wir sind überzeugt: Das Meisterwerk hält, was es verspricht!
Besuchen Sie den Turm und erleben Sie Ingenieurskunst live.
Foto: Bastian Kratzke, LAP